Weiterbauen – zu Hause im Weltquartier, Qualität im Bestand
Das Weltquartier besitzt neben seiner interkulturellen Bewohnerschaft einmalige städtebauliche Charakteristika, die in ihrer Gesamtheit weitergebaut und in ihren Qualitäten als IBA-Modellprojekt entwickelt werden, so dass in Ergänzung zum Bestand Wohnen und Arbeiten in vielfältigen Typologien ermöglicht wird.
Das Konzept für die Ergänzung und Neustrukturierung basiert dabei auf der vorhandenen Bebauungs- und Eigentumsstruktur. Dies ermöglicht eine abschnittsweise grundstücksbezogene und prozesshafte Entwicklung, die gleichzeitig auch den Fortbestand des Siedlungscharakters garantiert, da immer einzelne Bausteine mit ähnlichen Proportionen gegeneinander ausgetauscht oder ergänzt werden. Der siedlungsbestimmende Maßstab wird somit gewahrt.
Modernisierung
Der Altbaubestand des Weltquartiers wird in seinen charakteristischen Merkmalen gestärkt, das äußere Erscheinungsbild gegenüber dem öffentlichen Raum – nach den Maßgaben der „roten, durch Ziegel geprägten Siedlung“ – erhalten. Eine wesentliche Veränderung erfahren hingegen die Gartenseiten der Gebäude – hier wird auf der gesamten Länge der Gebäude ein „Wohnregal“ als additives Element an die Häuser gestellt, das einerseits Wohnraumerweiterungen und wohnungsnahe Freiräume bietet, andererseits die Fassaden strukturiert und über ein cremefarbenes Material aufhellt.
Die Grundrisse werden durch wenige, einfache und kostengünstige Maßnahmen den Bedürfnissen der Bewohner angepasst und optimiert: eine vielfältige, differenzierte Typologie von der 1,5-Zimmer-Wohnung bis hin zur 5-Zimmmer-Maisonnette entsteht, so dass auch ein Großfamilienwohnen oder Generationenwohnen auf mehreren Ebenen in einer Hauseinheit möglich ist.
Neubau
Die Neubauten spielen formal mit den Bestandsgebäuden und ihren applizierten Ergänzungsbauten. Ein Hauptkörper nimmt die Dachneigung, die Traufe und den First der Bestandsgebäude auf. Der etwas niedrigere zweite Flügel des Hofhauses ist in Materialität und Form an die Regalergänzungen, die für den Bestand vorgesehen sind, angelehnt und wird über ein offenes Brückenmodul, das Gartenfenster, mit dem Hauptkörper verbunden. Dieses Gartenfenster ist Gemeinschaftsloggia und Treppenhaus, schließt den Hofraum und erlaubt weiterhin den Blick in den langgezogenen Grünraum.
Das Rot der Ziegel prägt und wird neu interpretiert: Roter Ziegelsplitt nimmt die Farbigkeit auf und betont die formale Einheit der Siedlungshäuser. Neu- und Altbau erhalten somit eine weitere starke formale Klammer. Die neuen Hofhäuser bieten an städtebaulichen Eingangssituationen Erdgeschosse mit 5m Deckenhöhe, Aneignungsraum für vielfältige, gewerbliche und gemeinschaftliche Nutzungen, dazu Schalträume und stadthausähnliches Wohnen. Die niedrigeren Hofgebäude nehmen u.a. Reihenhaustypologien auf und ergänzen mit diesem direkt gartenbezogenen Wohnen das Wohnungsangebot des Quartiers.
Kleingewerbe
Im Süden des Quartiers wird das vorhandene Gewerbe als »WilhelmsburgTradeCenter« WTC neu strukturiert, so dass es im Zusammenspiel mit den Freiräumen sowohl den Eingang der Siedlung formuliert als auch offene, flexible Aneignungsräume für migrantische Ökonomie schafft. Die vorgefundene, selbstinitiierte Form des Kleinstgewerbes soll im Zuge der Umbauplanung nicht verdrängt, sondern thematisiert, erhalten, gestützt und weiterentwickelt werden: Grundlage hierfür ist die Ausweisung eines ordnenden Rahmens (»zwischen Laissez-faire und Kontrolle«), in den im Laufe des Entwicklungsprozesses auf der Basis des bereits vorhandenen »Garagen-Moduls« die Elemente dieses niedrigschwelligen Gründungszentrums eingefügt werden können.
Freiräume
Die Stärken des Weltquartiers sind seine großzügigen und vielfältig nutzbaren Freiflächen, diese gilt es hervorzuheben und weiterzuentwickeln. Daher werden private, halböffentliche und öffentliche Freiräume klar herausgearbeitet und über eine Heckenlandschaft differenziert. In Ost-West-Richtung verbindet ein strukturiertes straßenunabhängiges Wegenetz durch das Weltquartier hindurch den neuen Grünzug am Veringkanal und den vorhandenen Grünzug Rotenhäuser Feld.
Der Gartenraum des Weltquartiers verläuft wie ein grüner Dorfanger in Nord-Süd-Richtung. Der Grüne Anger gliedert sich in die Mietergärten unmittelbar vor den Gebäuden, zum Teil mit direktem Gartenzugang vom Haus, und den Hausgemeinschaftsgärten in der Mitte des Angers. Diese haben halböffentlichen Charakter und werden von den Mietern vereinsgestützt gestaltet und genutzt.