Kulturstiftung des Bundes, Halle/Saale, 2009

Benedikt Schmitz, Maike Lück in SML Architekten

10 Notizen für den Neubau der Kulturstiftung des Bundes

1. Kultur – Architektur
2. Kultur als Ausdruck des Könnens und Wollens
3. Genius loci
4. „Raum der Ideen“ als Mehrwert einer Kulturstiftung
5. Platzräume und Passagen
6. Die Architektur der Kulturstiftung als Ausdruck des Könnens, geformt durch das Wollen
7. Organisation der Programmflächen
8. Architektonischer Ausdruck, Konstruktion
9. Konstruktion und Materialien
10. Schonender Umgang mit Ressourcen


1. Kultur – Architektur
Hauptsächlicher Gegenstand der Ideenfindung ist der Kulturbegriff selbst, der in Architektur übersetzt wird.



2. Kultur als Ausdruck des Könnens und Wollens
„Kultur“ wird dialektisch interpretiert und kann so vor dem Hintergrund der abendländischen Philosophie über zwei wesentliche und sich gegenseitig bedingende Bausteine definiert werden: „Können“ im Sinne von Möglichkeit und „Wollen“ im Sinne von Zielstrebigkeit und Tatendrang. „Können“ wird als statische Komponente gesetzt, als eine der drei Ausdrucksformen des Seins. „Wollen“ dagegen wird als dynamische Komponente gesetzt, basierend auf einem individuellen Moral- und Wertekanon. Erst durch das menschliche, zielgerichtete „Wollen“ wird die (reine) Möglichkeit des „Könnens“ zur Realität ver- bzw. geformt (Formfindungsprozess). In ihrer architektonischen Übersetzung wird die formende Komponente des „Wollens“ maßgeblich von den Konsequenzen des Genius loci der Franckeschen Stiftung (Wirklichkeit) und den Anforderungen des Programms (Notwendigkeit) des Stiftungsneubaus geprägt. 



3. Genius loci

Der Bildungsauftrag, der sämtlichen Gebäuden des Stiftungsgeländes obliegt, erfordert neben der intensiven Auseinandersetzung mit der Aufgabe und ihrer architektonischen Übersetzung ein klares Bekenntnis zur zeitgemäßen Architektur als identifizierbares Zeitzeugnis. Rekonstruktionen von Bildern ohne Inhalt schließt er aus. In der Konsequenz respektiert der Neubau die gewünschte Schließung der Platzfront und wahrt eine minimale Distanz zum rekonstruierten und in diesem Sinne banalisierten Wohnhaus Franckes.


4. „Raum der Ideen“ als Mehrwert einer Kulturstiftung

Die „Früchte der Kultur“ erhalten als einen wesentlichen Baustein und als Alleinstellungsmerkmal einer Kulturstiftung ihren „Raum für Ideen“ – einen informellen, leeren Raum, der ohne Widmung bleibt bis zu seiner Aneignung. Er bietet im wortwörtlichen Sinne den obligaten Raum für den Mehrwert eines Stiftungsneubaus. Die Stiftung entscheidet über die Nutzung. Der „Raum der Ideen“ wird (als Archetyp eines Hauses) als Fortsetzung des Altbaus Franckeplatz 4 in dessen Kubatur, jedoch in der abstrahierenden Fassadengestaltung des Neubaus, realisiert.


5. Platzräume und Passagen

Im Abstandsbereich zum Gebäude Franckeplatz 1 wird eine dezent sichtbare Durchgangs- und Eingangssituation geschaffen: ein frontaler Eingang zum Franckeplatz scheint dem erwarteten Besucherverkehr und der konzentrierten Arbeit innerhalb der Stiftung nicht angemessen. Das Volumen des Neubaus wird nach den unterschiedlichen Fluchten des Kontextes ausgerichtet und damit so geformt, dass die südliche Hofsituation räumlich gefasst und beruhigt wird und das ortstypische Spiel der halböffentlichen Räume und Passagen mit unterschiedlichem Aufenthaltscharakter der Mikroräume fortgesetzt wird.



6. Die Architektur der Kulturstiftung als Ausdruck des Könnens, geformt durch das Wollen
Der Neubau stellt sich dar als ein Wechselspiel aus Volumina, die über das Programm vorgegeben werden, und Zwischenräumen, die die entsprechenden Abstände mit unterschiedlichen Widmungen definieren. Die Zwischenräume werden sichtbarer Ausdruck des Kultur bestimmenden Geschehens innerhalb der Stiftung: als frei bespielbare Orte der Kommunikation zeichnen sich Besprechungsräume, Flure sowie Eingangsbereich und zentrale Halle gezielt auch nach außen ab – sie bieten nicht nur den Mitarbeitern spezifische Räume für internen Austausch, sondern auch besonderen Einblick und werden als Schaufenster der Stiftung nach außen wahrgenommen. Entsprechend wird die Fassade zum Franckeplatz auch über ein zentrales Schaufenster definiert. Besonders die Zwischenräume werden gleichsam determiniert von der Energie des formenden Wollens, sichtbar nach außen zu allen Seiten hin und wesentliches Zeichen des Neubaus und seines Geistes.



7. Organisation

Die Programmflächen der Stiftung werden entsprechend der internen Abläufe um das zentrale Atrium als besonderem, repräsentativen Kommunikationsraum organisiert; jedes Geschoss erhält die notwendige Infrastruktur und einen Raum für Besprechungen. Die Büroflächen können flexibel aufgeteilt werden. Der größte Besprechungsraum wird zentral im Erdgeschoss geplant, mit direkter Anbindung an den Garten und Erweiterungsmöglichkeit in die Halle, so dass möglichst flexible Nutzungsoptionen realisierbar sind. 



8. Architektonischer Ausdruck, Konstruktion
Der Stiftungsneubau erhält eine über das gesamte Haus einheitlich gestaltete silberweiße Metallfassade, die über einfache Einstanzungen und Falzungen Lamellen ausbildet und damit eine wirksame Tiefe für Licht- und Schattenspiel erhält. Der Wechsel zwischen den architektonischen Interpretationen des „Wollens“ und des „Könnens“ wird ablesbar: lediglich die frei und offen gestalteten Zwischenräume der informellen Orte der Kulturstiftung – die Orte des „Wollens“ – werden als große Schaufenster in der Fassade abgebildet und erlauben dosierte Einblicke in das Geschehen innerhalb der Stiftung. Die Orte des „Könnens“ dagegen erhalten dezent erscheinende Öffnungen hinter der Lamellenebene; sie erlauben zwar Ausblicke, treten jedoch in ihrer eher introvertierten Orientierung hinter den expressiveren Orten des „Wollens“ zurück.



9. Konstruktion und Materialien

Der Stiftungsneubau wird als Stahlbetonskelettbau mit tragenden Außenwänden, aussteifendem Kern und vorgespannten Massivdecken errichtet, um einerseits genügend Speichermassen bieten und andererseits eine flexible Aufteilung der inneren Struktur gewährleisten zu können. Eine hochwärmegedämmte Fassade aus vlieskaschierter Wärmedämmung gewährleistet den Passivhausstandard, die lamellierte Metallvorhangfassade stellt Wetterschutz und Sonnenschutz sicher.

10. Schonender Umgang mit Ressourcen

Als öffentliches Haus nimmt der Sitz der Kulturstiftung gerade auch in diesem Kontext eine beispielhafte Vorreiterrolle beim nachhaltigen Umgang mit Ressourcen ein; entsprechend wird konsequent ein Passivhauskonzept verfolgt, das Haus größtenteils aus Recyclingmaterialien errichtet und ein Konzept zur Regenwassernutzung ausgearbeitet. Es wird vorgeschlagen, das Gebäude nach einem anerkannten Zertifizierungsverfahren zu konzipieren, das ganzheitliche Ansätze zum Umgang mit Ressourcen vertritt wie beispielsweise das DGNB-Gütesiegel. Gleichzeitig mit dem nachhaltig konzipierten Bau des Gebäudes werden auch Wartung und Betrieb geplant, so dass auch hier, verbunden mit einem optimierten Monitoring und einer großen Nutzerfreundlichkeit, große Effizienz zu erwarten ist.